Rezensionen

Bewertungen zum eigenen Nutzen

erschienen in „WOZ” am 18.04.2013

Trotz ihrer grandiosen Fehlleistungen, die zur Finanzmarktkrise beitrugen, geben die US-Ratingagenturen weiterhin den Ton an. Warum?

Werner Rügemer
Ratingagenturen. Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart.
Transcript Verlag. Bielefeld 2012.

Politik und Medien halten bereits seit Jahren das staunende Publikum dazu an, auf Buchstabenkombinationen dreier Ratingagenturen zu starren, weil diese (angeblich oder tatsächlich) für Wohl und Weh von Banken und Unternehmen, von Nationen und Wirtschaftsregionen stehen: AAA, A+ oder gar nur BBB–? Werden Banken oder Staaten von Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch – sie beherrschen 95 Prozent des Ratingweltmarkts – heruntergestuft, bricht Finsternis aus, schmelzen Renditen dahin, werden Arbeitsplätze vernichtet. Absurd.

Noch absurder wird es, wenn wir bedenken, dass diese Ratingagenturen der systematischen Irreführung und Fehlbewertung von Finanzpapieren überführt worden sind und heute, also vier Jahre nach dem Ausbruch der Finanzmarkt- und Bankenkrise, die sie mit diesen Täuschungen mit verursacht haben, wieder unumstritten agieren. Was war nicht alles zu hören gewesen von der Politik, in Deutschland, in Europa, quer durch alle politischen Lager? Wir brauchen eine öffentliche Ratingagentur für Europa! Macht und Reputation dieser drei US-Agenturen müssen gebrochen werden! Und das Ergebnis? Niente, nada, nothing, nichts, buchstäblich nüüt.

Woher rührt die ungebrochene Macht dieser Ratingagenturen?
Werner Rügemer hat ein Buch zu diesem Thema geschrieben, es hat das Zeug zum Standardwerk. Eine Warnung vorweg: Es ist flüssig und meist gut verständlich geschrieben, es werden viele Begriffe und Namen eingängig erläutert. Trotzdem sollte es nur kaufen, wer ein hohes Interesse an diesem Thema hat, denn Rügemer zeichnet nicht nur Macht- und Funktionsweise der Ratingagenturen nach, sondern geht zudem – beispielsweise bei den Besitzverhältnissen – der Sache in allen Verästelungen und Details auf den Grund.

Hoheitliche Aufgaben

Rügemer kombiniert zwei Elemente. Er schürft tief, verliert sich jedoch nicht in diesen vielen Details, sondern ordnet sie ein in einen übergreifenden analytischen Ansatz: Er interpretiert die Ratingagenturen – die gemessen an ihrem Umsatz und der Zahl ihrer MitarbeiterInnen so klein, harmlos und schmächtig daherkommen – als die Zentren der Kapitalmacht. Weil die Agenturen mit milliardenschweren Hegdefonds, Investmentbanken und Privatunternehmen engstens verflochten sind, konzentrieren sich in ihnen, so Rügemer, die Machtströme des weltweit agierenden Kapitals. Die Frage, wem die Ratingagenturen gehören, beantwortet er so: «Sie gehören denen, die auch Miteigentümer der grossen Banken und multinationalen Konzerne sind.»

Ihre zweite Machtquelle ist die regierende Politik in allen wichtigen Industrienationen: Die Ratingagenturen haben von ihr die hoheitliche Aufgabe verliehen bekommen, «das Kreditwesen zu regulieren». So lassen beispielsweise die Europäische Union und die Europäische Zentralbank Finanzprodukte und Staaten von den Ratingagenturen bewerten. Staaten und Pensionsfonds verpflichten sich oder werden verpflichtet, auf Auf- und vor allem Abwertungen von Ratingagenturen zu reagieren, beispielsweise indem sie abgewertete Finanzpapiere sofort verkaufen oder gar nicht erst erstehen.

Ver-rückte Welt

Mit ihren Bewertungen entscheiden die Ratingagenturen also über Schicksale von Unternehmen und Staaten. Jedoch: Juristisch gelten diese Analysen in den USA als Meinungsäusserungen, weshalb die Agenturen für Folgen und Wirkungen ihrer Stellungnahmen zumindest dort nie belangt werden können. Der Befund von Rügemer: Diese «verfilzte Kapitalmacht», so mächtig sie auch sei, könne sich nur halten, weil sie «von staatlichen und staatsnahen privaten Institutionen geduldet, geschützt und gestützt» wird.

Wer das Buch von Rügemer gelesen hat, der weiss, dass in unserer Wirtschaftswelt vieles buchstäblich ver-rückt ist: die Massstäbe, die Machtverhältnisse, die Verantwortung. Dieses Ver-rückte gilt bei uns als normal. Erst wenn diese Verhältnisse, die Rügemer mit dem Skalpell analysiert, gemeinhin auch als verrückt gelten, sind unsere Verhältnisse wieder halbwegs normal.

Die Wochenzeitung
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2017-04-11T18:17:12+00:00